
Ein guter, alter Freund hat vor kurzem die Gemeinde einmal mit einem Haifischbecken verglichen. Vermutlich mit bestimmten Vorkommnissen im Sinn. Mich hat das mehr als nur ein bisschen traurig gemacht. Was ist da alles passiert, dass er zu so einer Einschätzung kommt.
Mir ist schon klar, dass es genug Begebenheiten gibt, auf die man mit solch einem Blick schauen kann. Mir ist auch klar, dass es nie so ganz einfach ist, neutral zu entscheiden, wer wann und unter welchen Voraussetzungen vielleicht falsch gehandelt hat. Wer hat was gesagt, und vor allem: wie hat er es gemeint? A meint B korrigieren zu müssen, vielleicht aus einem echtem Bedürfnis heraus, zu helfen, oder um für die Wahrheit einzustehen. B ist zutiefst beleidigt und findet solch ein Verhalten unangebracht und übergriffig, und klagt wiedrum A an. Wer ist Täter, wer ist Opfer?
Solche Fragen und Unstimmigkeiten sind manchmal unglaublich schwer zu lösen. Vielleicht gibt es tatsächlich Dinge, bei denen das Recht in dieser Welt nicht mehr hergestellt werden kann, sondern auf den endgültigen, gerechten Richter warten muss.
Eine Frage, die sich durchaus aber in dieser Welt stellt, ist aber: Will ich mich von diesen Dingen bestimmen lassen?
Vielleicht habe ich manche Dinge erlebt, die mich (zumindest manchmal) glauben lassen, die Gemeinde sei ein Haifischbecken. Aber will ich so auf Gemeinde schauen? Die Gemeinschaft von Gläubigen: Von unvollkommenen, unbelehrbaren, blinden und schwerhörigen Gläubigen, von denen Jesus trotzdem sagt, sie seien sein Leib. Will ich das Kaputte, Gestörte, Streitende und Verwirrte zum Maßstab machen, statt das andere Bild, das Jesus vor Augen zu haben scheint, wenn er auf Gemeinde schaut?
Ich will das nicht.
Ich selber habe, als ich frisch zur Gemeinde gekommen war, vielleicht besonders klar das Wertvolle und das Gute gesehen. Dass hier Menschen sind, die etwas ganz persönliches mit Jesus erlebt haben, und deshalb an ihm dran bleiben wollen. Dass hier ganz unterschiedliche Leute miteinander reden können, Junge und Alte, Schlaumeier und ganz einfache Leute, und dass die ein Miteinander finden können! Bei aller Unvollkommenheit, die bestimmt immer da war, und bei allen Fehlern, die jeder mal macht: Es gab doch Heilung von Krankheiten und von verkorksten Persönlichkeiten. Es gab doch Veränderung und Erneuerung und Vergebung und Versöhnung! Es gab das doch, dass Menschen, die vorher nur auf sich selbst bezogen waren, großzügiger und bescheidener wurden und, ja, irgendwie ein größeres Herz bekamen. Versteht ihr, was ich meine? Das war nicht eine Truppe von perfekten Superchristen. Da gab es auch Pannen und persönliche Rückschläge und jede Menge Unvollkommenheit. Aber es gab eben auch die Veränderung. Nicht nur so eine, weil sich alle mehr Mühe geben, sondern eine, die tiefer geht. Wo sichtbar wird, dass Gott unter uns wirkt. Wo er, wo sein Heiliger Geist Veränderung an uns bewirkt. Wo er zeigt, dass er sich zu uns stellt, dass er uns als seinen Leib ansieht, als ein Teil von ihm.
Das ist das, worauf ich schauen will. Das ist das, was ich sehen möchte, wenn ich auf die Gemeinde schaue. Und das ist das, womit ich mich beschäftigen möchte. Wir haben doch eine Gute Nachricht weiterzugeben. Die Nachricht, dass Gott uns liebt, auch wenn wir es sicher nicht verdient haben. Die Gute Nachricht, dass Gott Leben verändert, dass wir ihm wertvoll sind, dass er uns frei machen kann, wenn wir irgendwo festhängen. Dass er all unsere Schuld und alles, was wir vermurkst haben (und womöglich immer noch vermurksen) wegnimmt und uns nicht anrechnet und frei davon macht. Dass unser Wert und unsere Würde nicht von irgendwelchen äußeren guten oder schlechten Bedingungen abhängt, und alles eine ganz anderes Gewicht bekommt, weil wir durch Jesus plötzlich Gottes Kinder geworden sind. Dass wir eine Hoffnung haben, die weiter reicht als unsere 70, 80, 90 Jahre hier.
Das ist das, was ich vor Augen haben möchte, wenn ich auf Gemeinde schaue. Und wenn ich irgendwas finde, das da nicht hineinpasst, dann möchte ich mich nicht ärgern oder noch ein bisschen zynischer werden, sondern - soweit es in meiner Reichweite liegt - was daran ändern. Und Gott bitten, dass er an unvollkommenen Situationen was in Ordnung bringt.
Was wollen wir denn den Menschen erzählen, die in die Gemeinde kommen, oder sich für das interessieren, was wir eigentlich glauben und womit wir uns beschäftigen? Möchte ich denen sagen: "Willkommen in der Gemeinde, aber pass auf: Der da quatscht immer so viel, dass er einem auf die Nerven geht, und mit dem da rede lieber nicht, der da hat mich mal ganz übel beleidigt. Und der da tut immer so, aber ist ein ganz fauler Sack, und dem da solltest Du auch nicht alles glauben, was er erzählt. Und die, die besonders freundlich zu dir sind, vor denen hüte dich besonders, denn die werden dir irgendwann ganz fuchtbar in den Rücken fallen! Komm ruhig dazu, aber: Betreten auf eigene Gefahr!"
Oder möchte ich denen sagen: "Willkommen in der Gemeinde. Wir haben alle unsere Macken. Wir sind alle weit davon entfernt, perfekt zu sein. Wir haben ganz viel noch nicht kapiert und machen bestimmt viel falsch. Aber Jesus hat uns trotzdem angenommen, und hat versprochen, und nicht aufzugeben und einmal alles in Ordnung zu bringen. Darum wollen wir uns an ihm festhalten und ihn auch nicht loslassen. Schau genau hin, vielleicht kannst Du ja erkennen, wo er uns schon verändert hat, und wo wir vielleicht schon ein bisschen weiser oder friedlicher oder bescheidener oder freundlicher geworden sind, oder wo etwas heil geworden ist. Und wir wünschen Dir, dass Du genau das in deinem Leben auch selbst erleben kannst. "