Gemeinde, seit 145 Jahren immer wieder erneuert, verwöhnt von einer wachstumsmäßig erfolgreichen Vergangenheit, seit 5 Jahren ohne Pastor, unlängst gebeutelt durch Unfrieden und Streitereien, weitgehend entleert von jungen Menschen. Wohin bist Du unterwegs? Was wünscht Du dir? Wie möchtest Du das erreichen?
Fragen, die nicht nur andere uns stellen, sondern die uns auch selber - schon seit langem - bewegen.
Unserer Gemeinde geht es nicht alleine so, dass die Mitarbeiter langsam älter werden, und Nachwuchs nicht oder nur spärlich in Sicht ist. Fragt man die Meinungsmacher in Gesellschaft und Politik, ist die Zeit der Kirchen und Gemeinden vorbei. Es haben dort nur noch nicht alle gemerkt. Erneuerungsprogramme, um dem Abwärtstrend entgegenzuwirken, gibt es viele — nicht nur in unserem Gemeindebund.
Diese Programme versuchen meist, die Kirchen und Gemeinden für die Menschen rings umher attraktiver zu machen. Gemeinde gibt sich aufgeschlossen und modern, hip und trendy. Dabei wird dann auch schon einmal die eine oder andere Grundhaltung und Einstellung über Bord geworfen, die vor wenigen Jahren noch unantastbar war. Manchmal mag das zu recht geschehen und betrifft absolut nicht den Kern der christlichen Botschaft. Manchmal mag es aber sein, dass die Kirche sich zu sehr anbiedert, und unreflektiert manches dem Zeitgeist opfert, was sie lieber behalten hätte, und stattdessen annimmt und lobt und lautstark verteidigt, was nicht sehr zentral oder wertvoll, und vielleicht nicht einmal langlebig ist.
Ja, es kann gut sein, dass die Kirche manchmal auch Dinge anbietet, die für eine bestimmte Zeit Menschen anzieht und interessiert. Wenn das den Menschen hilft (auch in sozialer oder caritativer Weise), ist das ok. Die beteiligten Christen sollten dabei aber nicht den Wunsch aus den Augen verlieren, dass die so erreichten Menschen auch der Guten Nachricht näher kommen. Es geht doch um deren Rettung für die Ewigkeit (oder nicht?), und nicht nur um ein gutes Lebensgefühl.
Bei manchen der aktuellen, gehypten Programme bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht was ganz wesentliches aus den Augen verloren haben. Dass bei einem Programm viele begeistert mitmachen, ist schön, aber nicht das einzige Qualitätsmerkmal. Wenn bei einem jungen Menschen der Eindruck verfestigt wird, gutes Christsein bestehe ganz wesentlich darin, freitags gegen den Klimawandel zu demonstrieren, sich ausgewogen zu ernähren und sich in der Schule für gender-neutrale Toilettenanlagen einzusetzen, dann wurde der Mensch betrogen. Nicht, weil die Dinge an sich schlecht wären, sondern weil zweite Dinge an die Stelle von den ersten Dingen gehoben wurden.
Nicht alles ist blöd. Es gibt z.B. Studien, die in England untersucht haben, warum manche Gemeinden gegen den Trend wachsen. Ganz unterschiedliche Gemeinden, mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Frömmigkeitsstilen. Was ihnen gemeinsam war: Dort versuchen die Menschen mit Ernst und Aufrichtigkeit ihre Bibel zu lesen und ihren Glauben zu leben. Die Schwerpunkte der jeweiligen Aufgaben und Ausprägung war ebenfalls ganz unterschiedlich, aber immer war Ausrichtung so: Wir versuchen die Dinge zu tun, die uns aus der Bibel heraus als richtig erscheinen, und lassen uns in unserem Alltag und Miteinander davon leiten. Die Verfasser der Studie haben aber auch schon gemerkt: da ist eine Haltung, die den Unterschied ausmacht, keine Methode. Darum ist es schwierig, daraus einfach gestrickte Aktionsprogramme oder Verhaltensregeln und Pläne abzuleiten.
Eingesetzte Methoden zur "Belebung" ode "Erneuerung" kommen oft aus dem Management und Marketing. Was kommt an? Wie können wir Interesse an unserem "Produkt" wecken? Soziologie und Management haben sich einige Begrifflichkeiten aus dem religiösen Umfeld zu eigen gemacht, und verwenden sie jetzt fleißig, meinen aber eigentlich etwas ganz anderes als im Ursprung. Eine "Vision" ist für einen Manager etwas anderes als für einen Theologen. Der erste hat kein Problem damit, aufzu- fordern, eine "Vision zu entwickeln". Der zweite bekommt dabei Bauchschmerzen; für ihn wird eine Vision geschenkt und niemals "entwickelt". Heutzutage scheint es ganz normal zu sein, mit Marketing- und Managementmethoden einen Gemeindefahrplan zu entwickeln und zu planen und demokratisch abzustimmen. Aber ist das immer das Richtige? "Wenn nicht der Herr das Haus baut, dann bauen die Bauleute vergeblich", sagt die Bibel. Und von Dietrich Bonhoeffer stammt: "Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiß schon am Werk der Zerstörung."