C.S. Lewis hat bereits 1943 (und bestimmt nicht als Erster) festgestellt, dass sich Natur- und Geisteswissenschaften sich auf seltsamen Bahnen bewegen. Beflügelt von den Erfolgen der vergangenen Epoche träumt man von einer glorreichen Zukunft, in der alle Menschen in Glück und Wohlstand leben und nur noch von ihrer gereinigten und geklärten, überlegenen Vernunft geleitet werden. Althergebrachte Werte und Empfindungen werden verworfen, wenn sie sich nicht rational herleiten und erklären lassen. Was sich nicht messen (und damit optimieren) lässt, ist irrational, unwichtig und verzichtbar. Fortschritt ist immer Fortschritt zum Besseren und darf nicht aufgehalten werden.

Vishal Mangalwadi stellt über 50 Jahre später, und aus einem anderen kulturellen Hintergrund stammend, etwas ähnliches fest: Der Westen ist durch sein christlich geprägten Werte, und ein Weltbild, das in allem Sinn und Ordnung erwartet, groß geworden. Doch nun stellt man all diese Dinge in Frage, denn sie lassen sich (so die Vorreiter) letztendlich nicht vernunfts- mäßig begründen. Viele Werte werden (noch) für wertvoll gehalten, aber es wird nach einer anderen Begründung gesucht. Ist diese nicht schlüssig, beginnen die Werte zu bröckeln.

Es geht weiter. Das grundsätzliche Alles-in-Frage-stellen macht auch vor bewährten und (vermeintlich) eingängigen und lange bewährten Vorstellungen nicht halt. Alles ist (angeblich) nur menschliches Konstrukt, und muss dekonstruiert werden. Beispiel gefällig? Die Biologie hat sich als praktische und theoretische Naturwissenschaft Jahrhunderte lang mit allen verschiedenen Lebensformen beschäftigt und alle möglichen Vorgänge genauestens untersucht. Die Biologie kennt zwei unterschiedliche Geschlechter, die bei allen "höheren" Lebewesen, Tieren wie Pflanzen an der Fortpflanzung eines Organismus beteiligt sind. Zwei! Wann immer es um Fortpflanzung geht, also eine Elterngeneration ihr gemeinsames Erbgut an eine Tochtergeneration weitergibt, und nicht nur um eine Duplikation des bestehenden Erbguts (Zellteilung), braucht es genau zwei verschiedene Geschlechter. Ausnahmslos. Die Gendertheorie dagegen sagt: Alles Unsinn, alles nur konstruiert. Ob ich mich als Junge oder Mädchen fühle, hat nur was damit zu tun, was ich von meiner Umgebung übergestülpt bekomme. arum soll ich mich von meinen Eltern oder von meiner Umwelt in eine Rolle zwängen lassen? Es ist letztlich mein gutes Recht, frei zu entscheiden, als was ich mich sehe. Und es besteht auch überhaupt keine Notwendigkeit, sich auf die herkömmlichen zwei Geschlechter zu beschränken. Ich bin das, was ich sein will, basta! Und die rückständigen Biologen sollen sich mal nicht einmischen. Wovon die reden, und wovon wir reden, sind zwei ganz unterschiedlich Dinge: Das biologische Geschlecht (sex) muss nicht mein empfindungmäßiges Geschlecht (gender) bestimmen! Das ist alles nur ein Machtkonstrukt, das wir erkannt haben und nun zerschlagen müssen.

Und zerschlagen tun einige dann auch mit Eifer. Und fühlen sich im Recht und als Speerspitze der Vernunft, des Fortschritts und der Befreiung des Menschen aus ungerechten Zwängen, denn: Zweigeschlechtigkeit ist ja per Definition nur eine Konstruktion zur Machtausübung. Und Machtmissbrauch muss ja um jeden Preis gestoppt werden.

Aktuelle Theologen, wie Gerrit Hohage, stellen fest, dass solche dekonstruierenden Vorgehensweisen auch vor der Theologie nicht haltmachen. Alles wird zerlegt und daraufhin unterschieden, was denn den eigentlichen "Kern" des Glaubens ausmache. Der "Kern" einer Wundergeschichte muss von ihrer (vorgeblich) menschlich konstruierten "Schale" befreit werden. Aus den Evangelien versucht man den "historischen" Jesus herauszudestillieren. Und am Ende bleibt nichts übrig.

Das Problem allen Dekonstruierens ist ein ganz grundlegendes: Einfache Dinge kann man noch relativ leicht in seine Bestandteile zerlegen, zu verstehen versuchen, und wahrscheinlich auch wieder so zusammensetzen, wie es ursprünglich war. Je komplizierter die Dinge werden, desto schwieriger wird dieses Unterfangen. Eine komplizierte Apparatur kann ich möglicherweise zerlegen, aber nicht wieder so zusammensetzen, dass sie funktioniert. Oder ich muss die Funktionsweise bereits kennen, um alles angemessen zu behandeln. (Glühbirne: Vakuum, Gasfüllung). Manches kann ich absolut nicht auseinandernehmen, ohne es zu zerstören. Spätestens bei Lebewesen hört das auf. Ich kann meine Katze nicht auseinanderehmen, um zu sehen, wie sie funktioniert, ohne dass die Katze danach tot ist.