In den letzten Jahren hat unsere Gemeinde einige tiefgreifende Erschütterungen erfahren. Nein, nicht nur erfahren. Wir waren ja selbst Teil davon - ob eher passiv, oder in irgendeiner Weise aktiv an den Geschehnissen beteiligt. Vielfach überrumpeltes Opfer, manchmal ausführendes Organ. Manchmal eingebunden in Prozesse, die wir nicht vollends durchschauen. Voreilig jubelnd oder zeternd oder verwirrt schweigend. Und viel zu oft nur abwartender Beobachter. Als ob wir nicht beteilgt wären.
Einige unsortierte Gedanken...
Das soll nicht heißen, dass wir alle Änderungen oder neue Gedanken ablehnen. Wir sollten nur nicht gleich auf jeden vorbeikommenden Zug aufspringen, nur weil er bunt und glitzernd und neu lackiert oder "modern" daherkommt, oder von allen Seiten groß angepriesen wird.
Das gilt in mehrerer Hinsicht: Die meisten neuen Ideen oder Konzepte oder Weltanschauungen sind nicht wirklich neu, sondern oft nur Variationen von Dingen, die auch schon vorher durchdacht und angewandt wurden. Die Bibel gibt uns da, finde ich, einen guten Maßstab, denn in ihr redet Gott in gewisser Weise "zeitlos" zu uns, in jeder Generation neu. Einige Grundwahrheiten über Gott und über uns Menschen ändern sich schlichtweg nicht, auch wenn viele Philosophien uns eine endlose Weiterentwicklung und immer größere Erkenntnis versprechen. Irgendeine Idee, oder ein Konzept, das der Bibel und einer christlichen Haltung ganz offenkundig widerspricht, sollten wir uns genauer ansehen. Nicht alles, was uns dort begegnet, muss falsch oder verwerflich sein. Manches aber hat doch einen deutlich un-christlichen und gott-losen Beigeschmack. Nicht alles Neue ist auch gut.
Das gilt insbesondere auch in der Theologie und der Glaubenslehre, der wir folgen. Einer Lehre oder Erkenntnis, die ganz offensichtlich manchen biblischen Grundlinien widerspricht, sollten wir nicht unbesehen nachlaufen, auch wenn sie uns vielleicht sogar anspricht. Als Christen, die schon länger "an Jesus dran sind", haben wir (hoffentlich) ein Gespür für Dinge, die nicht ganz passen, oder die "zu schön sind, um wahr zu sein". Wir sollten uns dann nicht zu schnell auf Dinge einlassen, die "ein Geschmäckle" hinterlassen und uns merkwürdig vorkommen, auch wenn wir den Finger (noch) nicht konkret auf einen Punkt legen können, sondern nachfragen. Nachhaken. Um Erklärung bitten. Mit anderen reden. Und auch nicht schweigen und alles Störende für uns innerlich glätten und wegerklären, so dass es uns nicht mehr drückt. Nein. Wenn uns was drückt und piekst, dann sollten wir dem nachgehen und nicht vorschnell Ruhe geben.
Wir sollten aber auch im Auge behalten, dass es Dinge geben kann, die ich bisher nicht in der richtigen Perspektive gesehen habe. Dass also mein Blick bisher möglicherweise zu weit oder zu eng war, und das, was mich drückt, ganz und gar mein Probem ist, und nicht das von jemand anderem. Auch ich kann mich irren. Auch ich muss vielleicht umdenken und kann dazulernen. Was helfen kann ist, sich vielleicht noch einmal intensiv mit der Bibel zu beschäftigen, und sich ehrlich mit anderen auszutauschen, die auch auf dem Weg mit Jesus unterwegs sind.
Die Bibel spricht davon, - auch im Neuen Testament! - dass wir Vater und Mutter ehren sollen. Ich verstehe das nicht nur in Bezug auf unsere leiblichen Eltern und unsere familiären Verhältnisse. Ich beziehe das auch auf unsere "geistlichen" Väter und Mütter. Die Alten und Altgewordenen in unseren Gemeinden. Die Generationen vor uns, die das miterarbeitet und erhalten, geprägt und aufgebaut haben, was uns jetzt als Selbstverständlichkeit umgibt: Das Fundament unseres Glaubens und unseres Gemeindeverständnisses.
Die Generation vor uns mag andere Klamotten oder Frisuren tragen, und andere Musik mögen, aber wir dürfen siche sein: Auch da gibt es Menschen, die von Jesus ergriffen und vom Geist Gottes umgestaltet wurden, die vieles geleistet und getragen haben. Die Umkehr und Erneuerung erlebt und sich viel länger (und vielleicht viel mehr) als wir im Reich Gottes eingesetzt haben. Das heißt natürlich nicht, dass ein Älterer automatisch und grundsätzlich in Allem Recht hat und deshalb alles immer so bleiben muss, wie es ist und immer war. Aber wir sollten sehr, sehr vorsichtig damit sein, den Rat oder den Einspruch eines "Vaters" oder einer "Mutter im Glauben" vorschnell abzutun, oder deren Lebenswerk zu kritisieren, kleinzureden, abzuwerten oder zu missachten.
Ist euch nicht klar: Jede Generation glaubt von sich, die besseren Erkenntnisse über sich, Gott und die Welt zu haben und auf Früheres herabsehen zu dürfen. Dabei übersehen sie, dass sie selbst in wenigen Jahren genauso überholt und ausrangiert dastehen werden. Jede Generation mag in mancher Hinsicht Neues und Nützliches dazulernen, aber genau so wird sie auch vieles Altes Nutz- liches vergessen oder verwerfen, und manches als gut und nützlich ansehen und in den Himmel loben, was sich später als voreilig herausstellt. (Rauchen, Radioaktivität, Spinat und Contergan...)
Manches ändert sich - auch gesellschaftlich (man denke nur an das Männer- und Frauenbild in alten Filmen, wieder da Rauchen, Kindererziehung...). Das sollte uns vorsichtig sein lassen, im Rückblick Dinge zu kritisieren, die wir ja heute so viiiel besser wissen. Vater und Mutter ehren kann bedeuten, manches verzeihen und vergeben zu müssen. Aber es wird niemals bedeuten können, ihre Würde herabzusetzen oder ihr Leben aus einer (vermeintlich) hohen Warte in den Schmutz zu ziehen.
Damit ist mehrerlei gemeint: Zum einen besteht die Gefahr, sich allein oder in einem kleinen Kreis ein eigenes theologisches System zu entwickeln, das wesentliche Aussagen der Bibel übersieht oder andere überbetont oder uminterpretiert. Kleine, "verschworene" Gruppen sind dafür anfälliger, als größere, offene Gemeinschaften, wo es naturgemäß mhr Austausch und gegebenenfalls auch Korrektur gibt. Kennzeichen eines zumindest fragwürdigen Systems ist es oft, dass die Zugehörigen sich oft besonders eingeweiht oder erleuchtet fühlen, sich nicht in Frage stellen lassen und ihre Ansichten ungern erklären, und dies damit begründen, dass die "anderen" es nicht richtig verstehen würden. Aua! Wenn Du deinen besonderen Standpunkt oder deine besondere Erkenntnis nicht hinreichend erklären und begründen kannst, dann ist er oder sie vielleicht schlicht falsch!
Zum anderen neigen Glaubensgemeinschaften (leider) dazu, sich aus ihrer Umgebung mehr oder weniger stark abzukapseln, und eigene Rituale und eine eigene Sprache zu pflegen, die von ihrer Umgebung nicht mehr ohne weiteres verstanden wird. Manchmal tut es gut, seinen Glauben, seine Überzeugungen und sein Gemeindeleben auch einmal mit Nichtchristen zu teilen ud darüber zu reden. Nicht zu allererst, um zu "missionieren", sondern um festzustellen, ob man überhaupt noch eine verständliche Sprache spricht. Verstehen die Menschen um mich herum mich nicht, muss ich davon ausgehen, dass ich sie auch nicht mehr richtig verstehen kann. Und mir wird es schwerfallen, einen Menschen wirklich aufrichtig zu lieben (wie es uns eigentlich zusteht!), wenn ich nicht mal weiß, was ihn beschäftigt und wie er "tickt". Eine "fromme" Sprache hat ihren Zweck, wenn ich damit manche Dinge zielsicherer und präziser ausdrücken kann. Wir müssen uns auch nicht schämen, solche Sprache in manchen Liedern zu verwenden, wenn insgesamt dennoch eine klare und sehr gute Aussage damit transportiert wird. Aber eine Sprache, die nur zur Abgrenzung dient und nicht mehr verstanden wird, hat ihren eigentlichen Zweck der Kommunikation verloren.
Enge, authentische Gemeinschaft unter Christen ist gut, denn sie birgt großes Potential zum gegenseitigen Helfen, Unterstützen und zum geistlichen Wachstum. So eine Gemeinschaft muss aber offen und transparent bleiben, und sich nicht in einen exklusiven Zirkel verwandeln, sonst ist die Gefahr von theologischen und sozialen Fehlentwicklungen groß.